Wieder ist es Zeit für Nathan Roberts, sich auf die Suche nach Tigern zu machen. Obwohl bereits die ersten Frühlingstage angebrochen sind, liegt in den nordostchinesischen Wäldern noch immer ein Hauch von Winter in der Luft. Roberts, ein britischer Doktorand an der Fakultät für Wildtiere und Naturschutzgebiete der Northeast Forestry University in China, erforscht die Beziehung zwischen Tigern und Waldkohlenstoffvorrat in Ökosystemen. An das raue Klima des Nordens hat sich der Student längst gewöhnt. In seine dicke Daunenjacke gehüllt, begibt er sich mit seinem Team in die dichten Wälder – auf der Suche nach einer vom Aussterben bedrohten Art: dem Amurtiger.
2017 kam Roberts nach China, motiviert von seiner Begeisterung zur chinesischen Kultur und seiner Leidenschaft für den Naturschutz. Er begann ein Masterstudium im Fach Wildtierschutz und -management an der Northeast Forestry University. „Ich habe Tiere schon immer geliebt und auch mein Bachelorstudium drehte sich um Artenschutz. China verfügt über eine besonders hohe Biodiversität – das ist für meine Forschung äußerst wertvoll“, erklärt Roberts.
Um die Populationen und Lebensräume der Großkatzen besser zu verstehen, scheute Roberts weder extreme Wetterbedingungen noch entlegene Gebiete. Immer wieder reiste er in Schutzgebiete wie das Hunchun Amur Tiger National Nature Reserve oder den Northeast China Tiger and Leopard National Park. Dort drang er tief in die Berge und dichten Wälder vor, um Feldforschung zu betreiben. Jede Tabelle, jede Zahl dokumentiert seine mühevolle Arbeit.
Die Suche nach dem Amurtiger ist alles andere als einfach: Nicht selten kämpfen sich Roberts und seine Kollegen stundenlang durch kniehohen Schnee. „Das hier könnten Spuren eines Amurtigers sein!“, ruft er, als wir uns tief im Wald befinden. Während er die Abdrücke fotografiert, erklärt er uns die charakteristischen Merkmale: faustgroß und geformt wie eine Pflaumenblüte.
„Dass sich die Amurtiger-Population stabil vermehrt, beweist, dass ihr Lebensraum intakt, zusammenhängend und großflächig ist. Es zeigt auch, dass die Biodiversität hoch und die Nahrungskette funktionsfähig ist“, erklärt Roberts. Der Zustand der Tiger sei ein maßgeblicher Indikator für den Zustand des regionalen Ökosystems. Indem wir die Tiger – als Spitzenprädatoren – schützen, bewahren wir zugleich die Artenvielfalt des gesamten Lebensraums.
In den letzten Jahren wurden in der Provinz Heilongjiang immer häufiger seltene Tier- und Pflanzenarten gesichtet: Der Amurtiger „Wandashan Nr. 1“ zeigte sich im Dorf Linhu bei Mishan; in Heihe wurde die streng geschützte und hochgradig bedrohte Orchideenart Cypripedium guttatum entdeckt; und in den Feuchtgebieten des Duluhe-Flusses hat sich der unter nationalem Schutz stehende Orientalische Weißstorch niedergelassen. Diese Entwicklungen belegen ein gesundes und vollständiges Ökosystem vor Ort – und schaffen ideale Bedingungen für die Forschung.
Für Roberts steht fest: Kein Lebewesen existiert isoliert – ein gesundes Ökosystem ist überlebenswichtig. Artenschutz ist daher auch Menschenschutz, denn ein stabiles ökologisches Gleichgewicht kommt letztlich uns allen zugute.
Dass Nathan Roberts sich für ein Studium in Heilongjiang entschieden hat, bereut er keine Sekunde. Er hat viele Gleichgesinnte kennengelernt und fühlt sich rundum wohl: „Egal, welches Problem ich habe – meine Professoren, Kommilitonen und Freunde helfen mir jederzeit. Heilongjiang ist wunderschön: die Landschaft, der Schnee, alles. Ich könnte mir sogar vorstellen, für immer hierzubleiben und mich dem Wildtierschutz zu widmen.“