In dieser Ausgabe dreht sich alles ums Thema „Spielen“ und die bunte und vielseitige Gaming-Kultur im heutigen China. Dafür haben wir uns mit „Feather & Haurchefant“ unterhalten, einer Content Creatorin auf Bilibili. Auf dieser Plattform, auf der sich zahlreiche Kreative tummeln, wird „Spielen“ ganz neu definiert. Wenn aus einem Hobby ein echter Job wird und Gaming zum Alltag gehört, wie sehen junge Leute diesen neuen Beruf? Im Gespräch mit Feather merken wir schnell: Die Grenzen des klassischen „Spielens“ verschwimmen – und wir bekommen einen spannenden Einblick in einen neuen Lifestyle im digitalen Zeitalter.
Liang Longtian (im Folgenden Liang): Wie lange bist du schon Content Creatorin? Und wie würdest du diesen eher untypischen Beruf beschreiben? Kannst du uns kurz erzählen, wie dein Arbeitsalltag auf Bilibili aussieht?
Feather & Haurchefant (fortan Feather): Ich habe 2019 zum ersten Mal ausprobiert, mein Einzelspieler-Gameplay live zu streamen. Unerwarteterweise gefiel das direkt mehr als einem Dutzend User:innen. Das hat natürlich einen ziemlich guten Eindruck bei mir hinterlassen. Ab 2020 habe ich dann begonnen, mehr Aufwand in das Ganze zu investieren.
Es fällt mir gar nicht so leicht, diesen Job zu definieren. Am ehesten würde er wohl in den Bereich Personal Media fallen. Die Arbeitszeiten sind flexibel, aber wenn du freiberuflich unterwegs bist, also keinem Multi-Channel-Network beitrittst oder einen Vertrag mit einer Plattform unterzeichnest, dann gibt es eben auch kein festes monatliches Gehalt. Das Einkommen hängt dann komplett vom Einfluss deiner Videos und der Unterstützung durch die Zuschauer:innen ab. Zwischen der Ober- und Untergrenze beim Einkommen kann deswegen ein ganz schön großer Unterschied liegen. Dafür kann man aber auch bei den Inhalten, die man zeigen möchte, zu 100 Prozent den eigenen Wünschen und Vorstellungen folgen. Und man entscheidet selbst, wann man anfängt zu arbeiten und wann man Schluss macht. So gesehen kommt man damit ziemlich nah an einen Idealzustand: Mit dem, was einem wirklichen Spaß macht, Geld verdienen.
Liang: Wenn wir mal auf die Seite des wirtschaftlichen Profits schauen, erstellst du deine Inhalte ganz allein und versuchst dann, über Reichweite Umsatz zu machen? Oder hast du eine Auftragsgruppe oder ein anderes Modell, bei dem du mit anderen zusammenarbeitest?
Feather: Im Grunde kann man die Arbeit in zwei Haupttypen unterteilen. Der erste Typ geht eher in Richtung klassische Personal Media. Da versucht man durch sorgfältig produzierten Content und die Nutzung von Videos die eigene Reichweite zu steigern. Über diesen Weg mit Followern Geld zu verdienen ist aber relativ begrenzt, schließlich sind die Videos kostenlos verfügbar. Da kommen die Einnahmen dann hauptsächlich durch das sogenannte „Aufladen“ zustande – das ist vergleichbar mit der Abo-Funktion auf YouTube. Man lädt dann zum Beispiel Videoserien hoch, die nur nach dem „Aufladen“ angeschaut werden können. Dazu kommen Werbeeinnahmen auf der Plattform und die Möglichkeit, eigene Produkte über die Videos zu bewerben.
Die zweite Möglichkeit ist, Stammfans durch die interaktive Form des Live-Streamings an sich zu binden. Bei dieser Methode steckt man deutlich mehr Zeit ins Streamen selbst, und die Videoproduktion dient hauptsächlich dazu, neue potenzielle Zuschauer:innen auf sich aufmerksam zu machen und sie dazu zu bringen, bei den Live-Streams reinzuschauen.
Für mich ist das nur ein Teilzeitjob, und die erste Methode – durch Videos Reichweite zu generieren – ist vollständig auf meine eigene Produktion angewiesen. Die Upload-Häufigkeit und die Qualität durchgängig hochzuhalten, ist da nur schwer zu garantieren. Daher arbeite ich hauptsächlich mit der zweiten Methode, also dem Live-Streaming.
Meine Arbeit besteht vor allem aus dem Erstellen von Videos, dem Bestellen von Illustrationen, wenn ich welche brauche, dann noch das Singen während der Live-Übertragungen, das Planen von Jubiläen und besonderen Events, das Designen von Postern und Merchandise-Artikeln, die Abstimmung mit dem Lager, das die Fanartikel verschickt, und natürlich die Planung und Absprache von Kooperationen mit anderen Creatorn.
Liang: Mir ist aufgefallen, dass es auf deinem Kanal ganz verschiedene Arten von Inhalten gibt. Kannst du mir konkret etwas über die Themen und die Auswahlgestaltung erzählen?
Feather: Zu meinen beliebtesten Inhalten gehören wahrscheinlich die Videos von den Live-Streams in meiner „Ace Attorney“-Reihe.[1] Ich lese da alle Texte aus dem Spiel komplett vor und erkläre dabei auch meine eigenen Denkprozesse. Jedes Ace Attorney-Spiel dauert über vierzig Stunden – das ist also echt eine Menge Arbeit. Einmal hat mir ein blinder User geschrieben, dass er total interessiert an den Stories der Spielreihe ist, aber die Ace Attorney-Spiele leider kaum barrierefrei sind. Mit meinen Videos kann ich ihm helfen, die Details des Spiels zu verstehen. Das fand ich richtig bewegend.
Dann gibt es noch meine Videos mit Coversongs. Da wähle ich Lieder aus, die mir gefallen, nehme meinen Gesang zu Hause mit Mikrofon und Soundkarte quasi in Studioqualität auf und lasse dann professionelle Soundmixer:innen die Aufnahmen abmischen. Dazu beauftrage ich Künstler:innen, die Illustrationen passend zum Songthema zeichnen, und Videokünstler:innen, die daraus ein hochwertiges Musikvideo basteln.
Wenn ich einen eigenen Song erstelle, muss ich nicht nur den Text schreiben und ihn selbst einsingen, sondern suche mir zusätzlich eine:n Composer:in für die Melodie und eine:n Arrangeur:in für die Begleitung. Die weiteren Abläufe sind dann so ähnlich wie bei den Coversongs.
Außerdem gibt es noch einen Bereich, in dem ich meine selbstproduzierten Merchandise Artikel vorstelle, zum Beispiel Anime-Artikel aus Papier, Metall oder Acryl. Ich erteile dafür einen Auftrag für eine gewerblich verwendbare Illustration und danach beauftrage ich inländische Hersteller:innen mit der Herstellung meiner eigenen Produkte.
Liang: Du hast ja mittlerweile über 10.000 Follower, deine Inhalte scheinen gut anzukommen! Kannst du ein bisschen erzählen, was so die Bedürfnisse deiner Zuschauer:innen sind?
Feather: Einerseits suchen viele meiner Zuschauer:innen einfach Gesellschaft. Ich habe viele Follower, die im Ausland studieren oder arbeiten. Wenn sie zum Beispiel an Hausarbeiten sitzen oder andere Dinge erledigen, ist es in China meistens schon spät in der Nacht. Da können sie oft nicht mehr mit Familie oder Freunden Zuhause sprechen. Beim Streamen mache ich in meinem eigenen Tempo mein Ding und verlange auch nicht ständig Geld oder sonst irgendwas. Deshalb bleiben viele gerne da, einfach um mit jemandem zu reden, selbst wenn wir nicht wirklich am selben Ort sind. Es macht aber natürlich auch nichts, wenn jemand nicht reden will.
Außerdem gibt es viele Follower, die auf nostalgische Songs stehen. Mein eigener Musikgeschmack geht auch eher in Richtung Retro, deswegen hören viele bei mir Klassiker von Teresa Teng, Tsai Chin oder Chen Shuhua.
Dann entdecken manche User:innen meinen Kanal, weil sie Manga oder ähnliches mögen, und durch mein Merchandise angezogen werden. Viele freuen sich schon, meine neuen Entwürfe zu sehen und das neue Merch zu kaufen, weil sie so begeistert von einer bestimmten Figur sind.
Liang: Was läuft deiner Erfahrung nach in dieser neuen Branche schon richtig gut – und wo siehst du noch Verbesserungsbedarf?
Feather: Die zeitliche Freiheit, selbst entscheiden zu können, welche Inhalte man macht, und von zu Hause aus arbeiten zu können, das sind natürlich große Pluspunkte. Aber genau da liegt auch ein Problem, das viele im Personal-Media-Bereich betrifft. Egal, ob Plattform oder einzelne Content Creator, am Ende sind alle kommerziellen Interessen unterworfen. Dadurch entstehen manchmal Inhalte, die ziemlich oberflächlich sind, die nur auf Aufmerksamkeit aus sind oder einfach nur vorheriges wiederholen und unausgereift sind. Und wenn man komplett auf diesen Beruf angewiesen ist, hat man auch nicht gerade viele Sicherheiten im Leben. Trotzdem glaube ich: Solange man seinem eigenen Stil treu bleibt und wirklich interessante Sachen macht, kann selbst die ganze Kommerzialisierung drumherum daran nichts ändern.
Liang: Letzte Frage: Welche Pläne und Erwartungen hast du für deine zukünftige berufliche Entwicklung?
Feather: Ich hoffe, dass mir die Erfahrungen, die ich jetzt sammle, später auch in anderen Bereichen wie Kunstförderung oder Kulturtourismus ähnliche Jobmöglichkeiten eröffnen. Und ich würde echt gern versuchen, die Themen, die mich im Kunstbereich interessieren, mit meinen derzeitigen Methoden weiter zu verbreiten und noch mehr Videos zu machen, die wirklich Substanz haben. Ich finde, das ist etwas, das wirklich Sinn macht.
[1] „Ace Attorney“ ist ein Videospiel des japanischen Entwicklers Capcom, bei dem man in die Rolle einer Strafverteidigerin schlüpft, an Gerichtsverhandlungen teilnimmt und selbst Detektivarbeit leistet.